Höhenrausch am Andenbogen
Eine neue Etappe zu beginnen ist in letzter Zeit nicht so leicht. Jan und ich wollen in Salta eigentlich nur ein letztes gutes argentinisches Steak essen, bevor es erneut über die Anden nach Chile gehen soll. Wir sind der Meinung, dass wir uns das verdient haben. Mein Kumpel Stewart, den ich zuerst in Ushuaia und später auf dem Weg nach Norden immer wieder getroffen habe sowie Wietske & Bunno, die beiden Holländer, mit denen ich auf der Carretera Austral im Süden geradelt bin, sind ebenfalls in der Stadt. Der gemeinsame Abend endet, wie soll es auch anders sein, erst mitten in der Nacht -so wie in Argentinien üblich. Als wir uns um 2 Uhr verabschieden, trudeln noch immer Gäste ein um zu Abend zu essen. Laut Rechnung haben wir einen randvollen Putzeimer Wein platt gemacht. Nicht zu fassen. So kommen wir erst um die Mittagszeit am Tag darauf los denn ein Vorderreifen ist auch noch platt. Anstatt in Jujuy machen wir bei strömendem Regen bereits in El Carmen halt. Durch einen glücklichen Zufall lernen wir hier den Feuerwehrkommandanten und seine Familie kennen, der uns eine Übernachtungsmöglichkeit im Gemeindezentrum organisiert. Immerhin sind wir trotz des Katers noch 86km geradelt und hätten unser Tagesziel Jujuy auch erreicht, wenn wir nicht eine 20km lange Ehrenrunde über die Umgehungsstraße um Salta gedreht hätten. Es kam halt alles zusammen…
Dafür kommen wir am Tag darauf früh los. Wir wollen noch einige Sachen per Post nach Hause senden und überflüssiges Gewicht vor dem langen Aufstieg in die Anden reduzieren. Die Post sollte eigentlich ab 8 Uhr geöffnet sein aber 45 Minuten später ist noch immer niemand da. Also fahren wir nach Jujuy ins Zentrum, versuchen dort unser Glück. Da treffen wir Laura, eine Kinderärztin aus Freiburg, die hier vor wenigen Wochen den Argentinier Santiago geheiratet hat. Sie lädt uns spontan nach Hause und zum Essen ein. Das Wetter ist noch immer nicht toll und wir verbringen doppelt so gerne einen tollen Tag mit Laura & Santiago, den wir standesgemäß mit einem argentinischen Asado beenden. Klar, dass es wieder spät wird… Die beiden sind super nett, hoffentlich sehen wir uns in Deutschland wieder. Für Laura’s Facharztausbildung werden die beiden dorthin ziehen.
Laura hat übrigens einen Teil ihres Medizinstudiums in Buenos Aires absolviert. Das war 2006, als wir die argentinische Nationalmannschaft im WM-Viertelfinale raus gekickt haben. Die Argentinier waren damals so arg in ihrem Stolz gekränkt, dass sie den deutschen Studenten nahgelegt haben die Uni zu verlassen. Sie wollten nun keine Deutschen mehr hier. Zwar könnten sie nicht verhindern, dass sie weiterhin die Kurse besucht in denen sie bereits eingeschrieben war, jedoch würde sie hier ganz sicher keine Prüfung bestehen. Unglaublich! Mittlerweile ist davon jedoch nichts mehr zu merken. Im Gegenteil, als Deutscher ist man hier ganz besonders willkommen. Ziemlich machohaft sind die Argentinier allerdings immer noch, ebenso wie viele Chilenen.
Paso Jama
Dann geht es hinauf zum Paso Jama, endlich. Der Paso Jama besteht nicht nur aus einem, sondern gleich aus mehreren Pässen. Dazwischen liegen weite Hochebenen: das argentinische und chilenische Altiplano. Wir haben Lebensmittel für 5-6 Tage dabei und klettern so vollbepackt nach oben. In dem kleinen Touristenort Purmamarca, dem vorerst letzten Versorgungsstopp, laden wir dann noch je 8 Liter Wasser auf und fahren einige Kilometer weiter, um es am nächsten Tag vor dem Hauptanstieg etwas leichter zu haben. So eine Menge Gewicht muss erst einmal transportiert werden. Die Anden sind extrem trocken, selbst auf den vielen 5.000ern liegt kein Schnee. Trinkwassernachschub ist daher nicht so einfach. Wir campen etwas abseits der Straße auf 2.700 Meter. Anstatt Rotwein gibt es nun Tee.
Am Tag darauf geht es dann über den ersten von 6 Pässen mit über 4.000 Metern. Die Anden sind hier am Dreiländereck zwischen Argentinien, Chile und Bolivien wesentlich breiter als weiter im Süden. Von Salta nach San Pedro de Atacama sind es immerhin etwa 600km. Trotz dem vielen Gepäck sind wir am Nachmittag bereits 1.600HM nach oben geklettert und am ersten Pass mit 4.200m angekommen.
Nun fahren wir soweit als möglich hinunter, wollen uns schrittweise an die Höhe gewöhnen. Unterstützend kauen wir Coca-Blätter, die helfen die Höhe zu vertragen. Angeblich sollen die auch appetitmindernd sein (aber davon merke ich nichts). Die Andenlandschaft ist toll, ganz anders als am Bermejo-Pass zwischen Santiago und Mendoza. Spektakulär ist auch die Fahrt durch die Salina Grandes, einem in dieser Jahreszeit ausgetrockneten Salzsee. Gigantisch!
Als wir hier durchfahren, ist wieder einmal ein Kamerateam zur Stelle. Unser Interview wird als Teil einer Outdoorsendung im argentinischen Fernsehen ausgestrahlt. Das zweite TV-Interview innerhalb eines Monats -irgendwann werde ich hier als Radfahrer noch berühmt… Etwa 10km hinter dem Salzsee campieren wir nun auf 3.400m. Dass wir nun inmitten in den Anden sind merken wir an den Nachttemperaturen: -10°C draußen, -4°C im Zelt. Das ist schon frisch!! Die Wasserflaschen am Rad sind steinhart gefroren. Bin froh dass ich seit Salta wieder eine Thermosflasche dabei habe.
Am Tag darauf steht ein weiterer Pass mit etwas über 4.200m an. Die Beine haben gestern ganze Arbeit leisten müssen und sind nun längst nicht mehr so fit. Heute tue ich mir schwer. Wir kommen in der kleinen Siedlung Susques vorbei. Ich bin sehr froh mich in einer Gaststätte waschen zu können und erneut Trinkwasser zu bekommen. Hier bleiben wollen wir aber nicht, radeln stattdessen noch eine weitere Stunde und campieren auf 3.900m. Jeden Tag etwas höher. Die Höhe verursacht bei uns beiden in der Nacht leichtes Nasenbluten, ansonsten geht es uns gut. Jan und ich wechseln beim kochen immer ab. Mein Kollege kann z.B. prima Wasser heiß machen *haha*. Die Einheimischen haben immer mehr indigene Gesichtszüge. Fast könnte man meinen bereits in Bolivien zu sein.
Die folgenden Nächte verbringen wir auf 4.200 und 4.600m. Zu den Minusgraden kommt ein starker Wind dazu, der uns ab mittags entgegen bläst. Wir verkriechen uns schon früh am Abend in die Zelte. Nach dem Abendessen noch länger draußen zu sitzen ist nicht wirklich ein Spaß. Allerdings ist bis um 8 Uhr am nächsten Morgen nicht mit den ersten Sonnenstrahlen zu rechnen, die wenigstens etwas wärmen könnten. So sind die langen Nächte im Zelt sind definitiv zu lang. Noch nie habe ich so viel Zeit im Zelt verbracht wie hier. Gut das ich einen MP3-Player dabei habe und im eiskalten Dunkel noch Musik und Hörbücher hören kann. Auf dieser Höhe habe ich dann zum ersten Mal Beschwerden mit dem atmen. Tagsüber beim Rad fahren hat man einen gesteuerten Rhythmus beim atmen, in der Nacht werde ich regelmäßig wach und schnappe mit pochendem Herzen nach Luft. Ich bin froh wenn die Sonne rauskommt und ich wieder aufstehen kann. Das Zelt ist dann innen und außen komplett vereist.
Nach dem ersten Paso Jama folgen dann noch zwei weitere. Der eine mit 4.830m, der letzte mit 4.800m. Dazwischen geht es 350HM nach unten. Wir hatten geplant an einem Tag über beide Pässe zu fahren, müssen aber dazwischen auf einer langen, ebenen Strecke mehrere Stunden schieben. Der Gegenwind ist hier einfach zu stark.
Dann treffen wir eine 3er-Gruppe Franzosen, die uns mit dem Rad entgegen kommen. Hinter einer Steinmauer schlagen wir gemeinsam unser Camp auf. Ein toller Platz, toller Sonnenuntergang und eine sehr gute Gesellschaft. Anders als wir, wollen sie über Argentinien nach Bolivien einreisen. Gut möglich das wir uns wieder über den Weg fahren.
Über den letzten 4.800er Pass müssen wir wieder öfter schieben. Der extreme Gegenwind ist einfach zu heftig. Irgendwann nach 40km erreichen wir endlich den letzten Anstieg und vor uns liegt eine 30km lange Abfahrt mit einem durchschnittlichen Gefälle von 7%. Eine tolle Aussicht von hoch oben auf die Atacamawüste. Mit jedem Meter abwärts wird es wärmer. Unten angekommen hat es 30°C, wir haben noch immer Mütze, Schal und Handschuhe an. Eine unglaubliche Abfahrt.
Zwei Schweizer kommen uns ziemlich geschafft entgegen. Wir geben ihnen unsere letzten Wasservorräte und ein paar Kekse. Sie sind bereits um 3 Uhr nachts in San Pedro gestartet und wollen noch weiter hinauf fahren. Nach einem Aufenthalt auf 2.700m direkt auf >4.500m wollte ich nicht fahren und erst recht nicht übernachten. Die beiden haben noch kurze Sachen an…
In San Pedro dauert es dann bis die Zollformalitäten geklärt sind und wir endlich den Einreisestempel haben (den argentinischen Ausreisestempel bekamen wir bereits vor 160 km in den Bergen). Der Paso Jamo ist geschafft und wir auch. Ein besonderes Erlebnis, die vielen intensiven Eindrücke dieser Andenüberquerung sind unvergesslich! Ich bin sehr froh den Paso Jama mit dem Fahrrad überquert zu haben.
Meinen Geburtstag feiere ich hier mit Jan & Stewart. Bunno & Wietske sind noch oben auf dem Pass, etwa 2 Tage hinter uns. Am 10. Mai schneit es dort oben, die Berge sind von dicken grauen Wolken eingehüllt. Da ist es doch gut hier unten im warmen sein zu können. Wir machen einige Tage Pause, einige Ausflüge und haben einige Vorbereitungen zu erledigen, bevor es erneut aufs Altiplano hinauf geht und wir nach Bolivien einreisen.
Ausflug zum Valle de la Luna
Am Rande der Atacamawüste, in der Nähe von San Pedro befindet sich das chilenische Vallee de la Luna. Wir machen mit Stewart und einigen anderen Leuten eine Radtour dorthin.
Im Sonnenuntergang ist die Gegend einfach nochmal so schön. Während des Tages sind hier kaum gescheite Aufnahmen zu machen. Die Sonne ist einfach viel zu intensiv. Die Berge im Hintergrund sind übrigens die natürliche Grenze zu Bolivien. Dort sind wir runter gekommen, dort müssen wir wieder hinauf…
Am Geysir El Tatio
Die Fahrt zum Geysir war El Tatio war ebenso sehenswert wie der Geysir selbst. Es ging wieder hoch hinauf in die Berge auf 4.300m. Etwas wärmer als -12°C hätte es am frühen Morgen allerdings sein dürfen. Hier sind wir nur noch einen Steinwurf weit von Bolivien entfernt. So kann man sich immerhin schon einmal aklimatisieren.
Ich habe auf meiner 14-monatigen Reise um die Welt nun schon so viele tolle Landschaften gesehen und hautnah erlebt, die Gegenden hier im Norden Chiles und Argentiniens hauen mich trotzdem fast vom Sattel. Was kommt da in Bolivien und Peru noch alles auf mich zu? Ich freue mich riesig darauf!
Vielen Dank für all die Geburtstagsgrüße. Habe mich sehr darüber gefreut!
Auf Bald,
Holger
Tachostand Südamerika: 6.035 km
Nächstes Etappenziel: Uyuni/ Bolivien








Mai 12th, 2011 at 17:56
Hallo Holger,
das sieht ja super aus (fast wie am Gaaseberg).
Ich hoffe das du weiterhin viel Spaß hast und ich würde mich freuen wenn ich dich im Herbst in Frisco abholen könnte!!
Dir und “Ulle” alles gute bis dann!
Viele Grüße Dein Bruder
Mai 12th, 2011 at 20:24
Hallo Holger!
Super, dass Du den Paso de Jama geschafft hast. Die Fotos belegen, dass die Landschaft dort absolut interessant ist. Sehr gerne wäre ich jetzt bei Euch. Mal sehen - vielleicht fliege ich ja nächstes Jahr wieder rüber, um nach Norden zu fahren. Das Kartenmaterial habe ich mir aus Verdacht schon mal zugelegt.
Viele Grüße und weiterhin gute Fahrt….
…wir sehen uns in Deutschland
MARTIN
Mai 13th, 2011 at 05:01
Hallo Holger
Während dem Nachtdienst lese ich Deine Berichte und schaue mir die schönen Fotos an. Ich wünsche Dir noch eine erlebnisreiche Weiterfahrt durch Bolivien und Peru. Liebe Grüsse Cic
Que te vaya bien
Mai 13th, 2011 at 12:20
Hallo Holger,
wie immer habe ich deinen Geburtstag vergessen, also dieser Tradition folgend wünsche ich dir nachträglich nur das BESTE!
Ich hätte nie gedacht, dass die verlassene Gegend dort im Norden von Chile und Argentinien. Wenn du in dem Tempo weiterfährst, dann wird der Panamakanal wohl das Ziel werden, oder?
Aber vorab noch einen Papyrosboot-Segelturn über den T.-See, das wäre es ja!
Bin mal gespannt.
VG, Jochen
Mai 14th, 2011 at 14:15
auch von uns noch alles Gute zum Geburtstag nachträglich….
Wann können wir den sekt kaltstellen?
Mai 14th, 2011 at 17:54
Klasse Bilder und schöner Bericht! Riecht nach einer Diashow nach Rückkehr… Pass auf Dich auf, Christof
Mai 14th, 2011 at 18:02
Hallo Holger,
wir sind wie immer begeistert über Deine Berichte und Bilder und freuen uns schon darauf was Du von Bolivien berichten wirst.
Viele liebe Grüsse und pass gut auf Dich auf,
a bientot
Joel et Sabine
Mai 15th, 2011 at 13:03
Hallo Holger,
vielleicht solltest du besser noch eine Weile dort in Südamerika bleiben. Es sind schlechte Zeiten angebrochen, die Eintracht ist abgestiegen und den ESC hat Azerbadjan gewonnen….dabei ist das doch gar nicht Europa, wenn die mitmachen dürfen, warum nicht gleich die Mongolei, oder Laos?
Das nächste Finale in Baku, ich erinnere mich an den Bericht von dienem Besuch dort……
Also, bleib da wo du bist, hier hat sich zu viel geändert…….
Jochen