Gesichter Boliviens
Von Uyuni fahre ich mit dem Bus nach Potosi und Sucre, um ein paar Tage ohne Rad zu verbringen. Ich will erst wieder in den Sattel wenn mein Hinterteil, bei der letzten Etappe arg strapaziert, damit einverstanden ist. Danach geht’s dann von Potosi aus nach La Paz. Jan fährt mit dem Bus von Uyuni direkt dorthin. Sein Reisepass ist verschwunden und er muss sich bei der Deutschen Botschaft Ersatz besorgen.
Potosi, Sucre & Tarabuco
Stewart, Bunno & Wietske kommen ebenfalls nach Potosi. Die auf 4.060m gelegene Stadt, ist die höchstgelegene Großstadt der Welt. Im 15. und 16. Jahrhundert war sie nicht nur größer und bedeutender als London oder Paris, sondern auch wohlhabender. Die Stadt ist am Fuß des Cerro Rico errichtet. Dem Berg, in dem einst die größten Silbervorkommen der Welt lagerten. Merkt ihr was, Südamerika hat‘s mit den Superlativen!
Noch heute wird hier intensiv Bergbau betrieben und neben Silber hauptsächlich Zinn und Zink abgebaut. Stewart und ich gehen mit einer Gruppe unter Tage und schauen uns eine Mine und die Arbeit dort genauer an. Teils zu Fuß, teils auf allen vieren geht es durch enge Stollen tief in den Berg hinein. Wir treffen viele Bergarbeiter und sitzen schließlich in einer etwas größeren Höhle lange Zeit zusammen und erzählen. Wir wollen von ihrer Arbeit erfahren, die Arbeiter vom Leben bei uns Zuhause. Zum Ende hin nehmen wir eigens noch eine Sprengung vor. Die Dynamitstangen und Zünder haben wir zuvor in einem der Läden in Potosi gekauft… Also das kracht ganz schön! Der TÜV Rheinland war hier ganz sicher noch nicht vor Ort -die Tour ist nichts für schwache Nerven. Die Kumpel haben die Backen voller Coca-Blätter, anders ist diese Arbeit nicht auszuhalten. Unter welchen Bedingungen hier geschuftet wird, ist für einen Europäer absolut unvorstellbar. Die Zahl der seit Beginn des Minenbetriebes in diesem Berg verunglückten Arbeiter wird auf etwa 8 Millionen geschätzt. Das muss nicht kommentiert werden.
Umso lebendiger und fröhlicher ist das Zentrum der Stadt Potosi. Vielleicht die schönste und interessanteste Stadt, die ich in Südamerika bislang kennengelernt habe. Die engen Gassen, das pulsierende Leben, viele imposante Bauten und nicht zuletzt ihre Lage, geben der Stadt, die vom Cerro Rico lebt und überragt wird, einen einzigartigen Flair. Mir gefällt der Markt besonders gut. Ich liebe es in den Garküchen zu essen. Für ‘nen Appel und ‘n Ei gibt es hier leckere Hausmannskost. Also genau das, was ein Radler braucht. Andere Touristen sieht man hier kaum -und wenn dann essen die hier nicht.
Entsprechend leicht ist es mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Das gelingt mir hier immer! Ich darf als Gringo meist überall probieren und wenn es mir schmeckt freue nicht nur ich mich. Die Auswahl der angebotenen Früchte ist der Hammer. Viele kenne ich nicht einmal. Ein Milchshake mit frischer Papaya z.B. -das muss man mal probiert haben! Nach den letzten Bergetappen bin ich hier jedenfalls genau richtig und kann meine Reserven wieder auftanken.
Die Bolivianer sind unglaublich freundlich. Nachdem was ich vor der Reise gelesen hatte, gab es doch einige bedenken dieses Land zu bereisen. Völlig unbegründet! Dass man auf seine sieben Sachen und vor allem seinen Geldbeutel aufpassen muss ist eh klar. Das macht man ja hoffentlich woanders auch.
Von Potosi aus fahre ich dann weiter -per 5-Sterne Bus- in die eigentliche Hauptstadt nach Sucre. Bei der Vergabe der Sterne wurde wohl so kalkuliert: 1 Stern für jedes der vier Räder, plus einen für die vorhandenen Fenster -das war’s dann.
Beide Städte, vielmehr gesagt deren Stadtzentren, sind von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden. Sucre liegt auf nur 2.300m. Hier ist es heiß und die Sonne brennt ordentlich. Es tut gut wieder in kurzen Hosen und T-Shirt unterwegs sein zu können. Sucre ist wesentlich gepflegter und man könnte ab und an meinen in Europa zu sein. Viele Palmen und prunkvolle Gebäude im Kolonialstil prägen den Stadtkern. Was woanders der ‘Plaza Prinzipal’ oder ‘Plaza Central’; ein parkähnlich angelegter Platz in der Mitte der Stadt; ist hier der ‘Plaza de 25. Mayo’. Das ist der Tag, an dem Boliviens Unabhängigkeit gefeiert wird -nach langer Ausbeutung durch die Kolonialherren aus Spanien. Solche Plazas findet man in Südamerika wirklich in jedem Dorf und oft und gerne habe ich dort Rast gemacht. Mit dem Abstecher in die beiden Städte konnte ich auch eine sehr sehenswerte ‘andere Seite’ Boliviens kennen lernen.
Die Straße von Uyuni nach Potosi und weiter nach Sucre ist ein Traum eines jeden Radfahrers. Das soll hier wenigstens einmal erwähnt sein auch wenn ich auf der Straße mit dem Bus unterwegs war.
Am letzten Sonntag im Mai machen Stewart und ich noch einen gemeinsamen Abstecher nach Tarabuco. Ein kleiner Ort in den Bergen, der wegen seines Sonntagsmarktes bekannt ist. Von weit her kommen die Einheimischen mit uralten LKWs und Maultieren um alles Mögliche an den Mann zu bringen. Sämtliche Straßen des Ortes sind nun ein einziger begehbarer Verkaufsstand. Hier legt man noch besonderen Wert auf traditionelle Kleidung. Ein sehenswerter und farbenfroher Anblick -und ein weiterer Volltreffer!
Der Weg nach La Paz
Die ersten Tagesetappen nach Potosi sind ein einziges rauf und runter. Dabei dachte ich nun auf dem Altiplano zu sein. Den Erfinder dieses Wortes hätte ich gerne einmal per Drahtesel hier entlang geschickt! Einen Pass zu fahren ist eine Sache, da ist das Ziel konkret. Das ständige hoch und runter ist jedoch etwas anderes und auf Dauer ziemlich zermürbend. In meiner Karte sind viele Dörfer eingezeichnet. Von einer guten Versorgungsmöglichkeit kann man trotzdem nicht sprechen. Von Schokoriegeln habe ich nur geträumt…
Anstatt Guanacos hat es hier Vicunas, Lamas und Alpacas. Lamas und Alpacas werden von Hirten gezüchtet, die kleineren Vicunas sind wild. Wenn die Viecher nervös werden fangen sie an zu spucken -also Abstand halten! Die Lamas landen hier überall im Kochtopf. Überhaupt ist hier auf dem Land zum größten Teil Selbstversorgung angesagt.
In einem kleinen Dorf ohne Namen will ich meine Wasserflaschen auffüllen. Nicht einmal das geht einfach so. Ich werde in die Schule geschickt, dort gibt es Wasser. Die Lehrerin ist gleich da, macht mir sogar heißes Wasser für meine Thermosflasche. In der Zwischenzeit albere ich mit den Kids herum. Als dann die Lehrerin dazu kommt und ich ein Foto machen will, laufen die Kinder weg. Die haben Angst vor der Kamera. Also das habe ich im Leben noch nicht erlebt, einige verstecken sich sogar unter den Tischen. Nur rumalbern, das macht denen Spaß. Die haben keinerlei Berührungsängste, nur eben Angst vor dem kleinen Foto mit Blitz. Da es schon bald dunkel wird, lädt mich die Lehrerin ein im Klassenzimmer zu übernachten. Ich koche nebenan Milchreis -was anderes habe ich nicht mehr. Die Kinder schauen nun ständig vorbei und ich entschließe mich mit dem halben Kilo Reis einen großen Pott voll zu kochen. Milchreis mit Rosinen und Zucker & Zimt. Das hat richtig gut geschmeckt und war ein kleines Fest! Letztendlich gab es dann doch noch ein Klassenfoto.
Dass die Kamera nicht erwünscht ist erlebe ich öfter. Als ich Probleme mit einem platten Reifen habe und es dadurch spät wird, liest mich Roul an der Straße auf. Ich soll bei ihm und seiner Familie übernachten. Die Familie ist super nett, so wie alle Bolivianer die ich bislang kennen gelernt habe. Ein Erinnerungsfoto kann auch hier nicht gemacht werden -nada. Die fragen mir abends Löcher in den Bauch, wollen alles über Alemania wissen. Ein schöner Abend, viel besser als im Zelt! Mittlerweile weiß ich auch warum es Probleme beim flicken des Plattens gab: Der Kleber ist während der letzten Etappe eingefroren und hebt nun nicht mehr…
Die letzten 300km vor La Paz bin ich dann wirklich in der Hochebene (auf 4.000m) angekommen und habe die Cordillera Central endgültig hinter mir gelassen. Mit Rückenwind (ja, den gibt’s tatsächlich!) lege ich Rekordetappen hin und bin schnell in La Paz. Überwältigend ist die Landschaft hier nicht aber trotzdem eindrucksvoll.
La Paz liegt in einem Talkessel, die letzten 12 Kilometer geht es von El Alto aus bergab. Ich fahre direkt zur Casa de Ciclista von Christian -einem Bolivianer mit deutschen Wurzeln. Dort komme ich für einige Tage unter. Die Stadt ist trotz ihrer Größe recht ruhig und relaxt. In der Rushhour sind die Straßen mit dem Auto allerdings nicht mehr passierbar. In der CdC sind noch andere Radler abgestiegen und es wird nicht langweilig.
Zwischen Anden und Amazonas: Die Yungas
Gerade in La Paz angekommen, fragt mich Christian ob ich nicht Lust hätte am nächsten Tag eine Tour ohne Gepäck in die Yungas zu machen. Tropischer Regenwald -das fehlt mir auf meiner Tour noch und klar habe ich Lust darauf! Mit Louis aus Lissabon, Calvin aus Oregon und Erik aus Bolivien starten wir morgens früh, einige hundert Meter über dem Paso Cumbre auf 5.000m Höhe. Höher rauf geht es hier nicht. Christian fährt uns freundlicherweise mit dem Jeep hierher. Es soll auf der ‘Death Road’ etwa 3.000HM bergab gehen. Die Straße trägt ihren Namen nicht zu Unrecht. Sie ist größtenteils nicht mehr als 3m breit und fällt seitlich bis zu 800m senkrecht ab. Ganz ohne ist die Straße also nicht… Zuerst geht es allerdings auf dem hochalpinen Teil bergab.
Dann geht’s ab in die Yungas. Oben am Pass sind wir etwa 1.300m über den Wolken. Einfach fantastisch! So toll die von oben auch anzuschauen sind, Wolken sind Wolken. Wie tief die hängen merken wir bei der Abfahrt. Die Sicht beträgt bald weniger als 20m und wir werden patschnass. Dann treffen wir noch eine überholende Kolonne Landrover mit deutschem MTK-Autokennzeichen. Die Welt ist klein …
Trotz fehlender Aussicht war der Ausflug toll. Zurück nach La Paz geht es recht schnell per Anhalter über die neue asphaltierte Straße.
Bolivien ist ein so großes Land, ich habe nur einen kleinen Teil gesehen: Das Hochland und das Altiplano. 2/3 des Landes sind Regenwald, Dschungel & Amazonastiefland und bestimmt nicht weniger interessant. Vielleicht muss ich noch einmal hierher kommen…
Mein nächstes Etappenziel ist Cuzco in Peru. Davor komme ich am Titicacasee vorbei, meinem angepeilten Ziel. Von La Paz aus sollte ich Copacabana, am Südufer des Sees, in knapp 2 Tagen erreichen. Erst bleibe ich aber noch ein paar Tage hier in La Paz -eine Stadt die mir gut gefällt.
Die nächste Etappe und insbesondere Cuzco werden wohl nochmal richtig spannend. Danach werde ich etwas langsamer machen. Die letzten Wochen waren einfach unglaublich ereignisreich und anstrengend. Nach Cuzco werde ich über Nasca in Richtung Lima ‘ausrollen’ -soweit der Plan…
Ciao, Holger






Juni 7th, 2011 at 11:23
Hallo Holger,
na da war doch die Freude groß wie du den MTK ler gesehen hast! Mensch, die Bilder und die Vielfalt der Natur sind ja atemberaubend! Ich wünsche Dir weiterhin noch viel Spass!!
Lg Axel
Juni 10th, 2011 at 15:43
Hallo Holger,
meinen allerherzlichsten Glückwunsch!
Der besagte Titikakasee ist nun erreicht.
Wicker, Peking, Wicker, Buenos Aires, Kap Horn, Titikakasee. 458 Tage. Meinen Allergrößten Respekt. Über 20TKm und wieviele thm oder thKm (Tausend Höhenmeter /Km)?
Diesen Traum hast du gelebt ich hoffe, dass Du nun noch weitere schöne Träume zum umsetzten hast!
Genieße die letzten 6³/4 Wochen bis du wieder nach “Hause” kommst.
Weiterhin viel Spass!!!!!!!!!!!!!!
Liebe `Grüße Axel
Juni 12th, 2011 at 16:30
Hallo Holger,
es ist kaum zu glauben wohin Dich Dein superdimensionaler Navigator führt , und jetzt nicht mehr virtuell sondern real time ! Ich bin nur beeindruckt und wünsche Dir für die letzten Etappen alles Gute.
Herzliche Grüße
Martin