Letzte Ausfahrt: Lima
Juli 12th, 2011Meine letzte Etappe mit dem Rad. Von Cuzco in den Bergen, nach Lima am Pazifik. Mir ist dabei als erstes aufgefallen, dass sich das nach einer langen Abfahrt anhört. Dabei gab es nicht nur eine lange Abfahrt, sondern gleich mehrere. Dazwischen gab es ergo noch ziemlich viele lange Anstiege, zweimal sogar auf 4.600m. Die Etappe hatte wirklich noch einmal alles zu bieten: Berge, Schluchten, Altiplanolandschaft, Wüste, Oasen und Küste. Von Sonne und Nebel bis hin zu Graupelschauern und 40°C Hitze war wirklich alles dabei. Naja, es war die letzte Etappe und auch die wollte ich so nehmen wie sie ist.
Als ich endlich aus Cuzco los kam, war es nach dem kleinen Motivationsloch wieder ein gutes Gefühl im Sattel zu sitzen und weiter zu radeln. Zum Abschied gab es noch ein gemeinsames Essen im Hostal ‘Estrellita’, auf dem Bild fast allesamt Tourenradler.
Die Straße bis Lima ist immerhin durchgehend asphaltiert und es geht zunächst einmal bergab, von 3.500 auf 1.700m. Es wurde richtig heiß. Optimale Bedingungen sozusagen für den langen Anstieg vor Abancay. Hier will ich mich mit Andreas aus Koblenz treffen, der hier ein soziales Jahr absolviert und den ich in Cuzso kennen lernte. Vor Abancay musste ich aber erst wieder auf gut 4.000m hinauf radeln, nur um danach gleich wieder runter zu fahren. Als ich in Abancay ankomme, bin ich so fix und alle, dass ich mir das erstbeste Zimmer nehme und ohne Abendessen einschlafe. Aus unserem Treffen wurde also leider nix. Dafür geht es an den folgenden Tagen recht einfach durch ein Tal weiter, immer entlang eines großen Gebirgsbaches. Schöne Radfahrtage mit netten Begegnungen und tollen Möglichkeiten zum campen. Ab und an gibt es sogar ein Restaurant entlang der Straße und mittags gehe ich gerne essen. Genau so habe ich mir meine letzte Etappe vorgestellt.
Dann führt die Straße erst auf 4.000 und weiter hoch auf 4.300 und 4.600m. Es wird nicht nur nachts sondern auch tagsüber lausig kalt. Es gibt dazu noch viele Zwischenanstiege und die Gegend um mich herum kann ich wegen der Kälte und des schlechten Wetters nicht mehr so richtig genießen. Gegenwind und Graupelschauer auf 4.500m machen einfach keinen Spaß. Immerhin muss ich hier oben nicht mehr campieren, habe stets Glück eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Mal in einem Restaurant, mal in bei einer Familie oder in einem Hotel. Dazu gibt es auch stets ein tadelloses warmes Essen.
Wie eigentlich immer, sind die Kids die ersten die sich für mein Rad und mich interessieren. Die wollen mitten im Nirgendwo unbedingt dass ich bleibe und ich darf wieder einmal in einem Restaurant auf dem Fußboden übernachten. Draußen schüttet es (so wie die ganze Nacht) aus allen Wolken und ich bin einfach nur froh nun nicht im Zelt liegen zu müssen. Je weiter ich an die Küste komme, desto schlechter wird das Wetter. Aber auch die letzten Kilometer in den Bergen sind irgendwann geschafft und es folgt die fast 100km lange Abfahrt nach Nasca. Diese Abfahrt führt über schier endlos lange und unzählige Serpentinen hinab. Sehr beeindruckend das Ganze von hoch oben zu sehen. Leider ist es hier sehr diesig und die Sicht auf die Küste nicht besonders gut.
Nasca
Nasca liegt auf etwa 2.300m Höhe, hier kann man wieder gut mit kurzen Hosen unterwegs sein. Ich steige in einem Hostel im Zentrum ab und beschließe einen Rundflug über die Linien von Nasca zu machen, die man sonst nicht richtig sehen kann. Mit dem Rad fahre ich zum Flughafen und bekomme vor Ort einen Last-Minute Platz in einer Cessna. Immerhin ist mein Ticket auf diese Weise um fast die Hälfte preiswerter. Der Flug dauert 35 Minuten und hat sich für meinen Geschmack gelohnt. Man sieht nicht nur die vielen Linien und Figuren in der Wüste, sondern bekommt auch einen guten Eindruck des gesamten Terrains.

Mit dem Motorrad
In Nasca treffe ich auch Burhard aus Deutschland. Burkhard ist Mitte fünfzig und kam mit dem Rucksack und Zelt vor 11 Monaten nach Südamerika. Immer mit dem Bus von A nach B zu fahren war ihm zu langweilig. Da hat er sich in Paraguay für wenig Geld ein gebrauchtes Motorrad mit 250ccm Hubraum gekauft und ist damit gut und unabhängig unterwegs. Bereits 10.000km hat er mit der Maschine zurück gelegt, den Rucksack hinter sich auf den Soziusplatz geschallt und will nun über Ecuador nach Kolumbien -und vielleicht noch weiter oder wieder zurück. Wie der Zufall es so will, treffe ich ihn einige Tage später noch einmal und wir können uns ein Zimmer in Pisco teilen. Hier genehmigen wir uns natürlich den einen und anderen Pisco Sour, wenn wir schon einmal hier sind… Burkhard, auch weiterhin gute Fahrt!
Die beiden Apothekerinnen der Farmacia ‘Mi Jesus’, Renata & Maria, waren einfach zu goldig. Bei meinem kurzen Besuch ihrer Apotheke waren die beiden um mein Rad so sehr besorgt, dass ich es mit in die Apotheke nehmen musste. Die haben mich regelrecht interviewt, wollten alles über mich und meine Reise wissen. Dann haben sie mich zum Abendessen eingeladen, wo ich weiter erzählen musste. Das war ein toller Abend! Danke!
In Nasca lasse ich die zuletzt sehr grauen und trostlosen Anden endgültig hinter mir. Stattdessen fahre ich nun weiter durch die Küstenwüste. Ganz ehrlich, ich kann mich nicht erinnern jemals eine so graue Landschaft gesehen und so viel Nichts um mich herum erlebt zu haben. Passend dazu ist der Himmel grauer als grau. So eine fade Landschaft! Aber die letzten Kilometer, so denke ich mir, schaffst du auch noch. Ich hatte mich schon damit abgefunden, hier mein Zelt mangels Deckung nach Einbruch der Dunkelheit aufbauen zu müssen, um nicht von der Straße aus gesehen zu werden. Da tauchen plötzlich einige Gebäude auf. Ich frage ob ich mein Zelt auf der Kaktusfarm hinter den Gebäuden aufbauen kann. Miguel sagt ja, dann holt er einen Schlüssel und sperrt ein kleines Apartment mit Dusche und WC auf. Wieder einmal haben sich alle Probleme bei der Suche des Übernachtungsplatzes von selbst aufgelöst -wie immer auf meiner Reise!
Irgendwann dann doch ein Lichtblick. Es gibt zuerst einige Oasen, dann einige Felder zu sehen und irgendwann komme ich doch tatsächlich an einem Weinberg vorbei. Lage Panamericana! Also damit hatte ich nun ehrlich nicht gerechnet. Hier gibt es auch die höchsten Sanddünen Südamerikas. Nun ist diese Gegend plötzlich nicht mehr so trist ( aber ‘nen Schoppen Wein gibt’s nirgends).
Dann komme ich endlich bei Paracas an die Küste. In Pisco steige ich in einem kleinen Hostel ab, treffe wieder viele nette Leute, u.a. Burkhard. Ich ruhe ein paar Tage aus, besuche den NP Paracas, brate mir abends einen frischen Bonito und lasse es mir gut gehen, bevor ich die letzten zwei Tagestouren nach Lima angehe.
Die Etappen bis Lima sind nicht schön. Kurz vor der Einfahrt in die Stadt steige ich in einen Bus, lasse mich bis zur Puenta Avenida Buenavides mitnehmen. Ab hier habe ich einen Stadtplan und es sind noch immer 12km bis zu meinem Hostel im Stadteil Miraflores. Ein sehr nettes, kleines Hostel, in dem ich nun die letzten Tage bis zu meiner Busfahrt nach Buenos Aires verbringe. Gerade findet die Copa Amerikana statt und auf fast allen Fernsehern der Stadt läuft Fußball. Eine sehr gute Stimmung in einer weniger interessanten, lauten und weit auseinander gezogenen Hauptstadt.
Lima
Lima ist ein Moloch! Ich schaue mir die interessanteren Stadtteile Miraflores & Barranca und das zum Weltkulturerbe erklärte sehenswerte Stadtzentrum an, gehe oft am Strand spazieren und finde nach 2-tägiger Suche doch noch einen Karton zum verpacken meines Rades. In Lima dauert alles eine Ewigkeit, vor allem um von A nach B zu kommen. Eigentlich ein gar nicht so schlechtes Ende für meine 16-monatige Reise. Mit den Leuten vom Radladen, in dem ich den Karton aufgetrieben habe, treffe ich mich noch einige Male und werde von Miguel sogar zum Abendessen mit seiner Familie nach Hause eingeladen.
Am Sonntag, den 17. Juni findet in Miraflores dann ein riesiger Umzug statt. Tausende von Leuten sind auf der Straße. Ich bin im Rummel mittendrin, da hält mir plötzlich jemand ein Messer an den Bauch, sagt: ‚Amigo‘. Innerhalb von Sekunden sind Geld, Kreditkarte und IPod zusammen mit den Gangstern verschwunden. So ein Mist! Während 16 Monate ist alles gut gegangen und nun muss mir das auf den letzten Tagen meiner Reise passieren. Ich hatte von Kriminellen in Lima gehört und einige Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Nur war ich auf so einen Überfall am helllichten Tag nicht gefasst. Zum Glück verlief die Sache ohne großen Schaden. Ich hatte nur wenig Bargeld dabei, konnte die Kreditkarte noch rechtzeitig sperren und vor allem ist mir nichts passiert. Hätte schlimmer ausgehen können. Ein etwas bitteres Ende meiner Zeit in Peru. Die Polizei war zwar betoffen von meiner Anzeige, meinte aber das so etwas fast täglich passiert. Sie haben an diesem Tag gleich 2 ganze Busladungen Banditos verhaftet und wollten mit einer Gegenüberstellung eine Identifizierung versuchen. Ich konnte mir in der kurzen Schreckenszeit jedoch sowieso keine Gesichter merken und lehnte dies ab.
Zum Glück gibt es Western Union und ich bekam von Zuhause schnell Bargeld für die letzten Tage meiner Reise geschickt. Den Schrecken durch den Überfall, der gar nicht allzu groß ausgefallen ist, habe ich zusammen mit dem darauf folgenden Ärger mittlerweile komplett hinter mir gelassen. Gut so! Nach den vielen schönen Erlebnissen dieser Etappe kann ich Peru, trotz der fiesen Startschwierigkeiten, in recht guter Erinnerung behalten.
Mein Rad ist mittlerweile verpackt und ich bin ab 21.07. per Bus auf dem Weg nach Buenos Aires. Dort habe ich noch einmal 3 ½ Tage Aufenthalt, bevor es zurück nach Deutschland geht. Nach Hause!
Natürlich hört ihr nochmal von mir.
Ciao, Holger
Letzter Tachostand Südamerika: 9.122km
Die Delikatesse in Peru: Cuy - Meerschweinchen









